Atypical Staffel 2

Screenshot Trailer

War die erste Staffel von Atypical zeitweise ein von karikaturhaft überzeichneten Figuren überlagerter Comedy-Spaß mit guten Absichten, zeigt sich Staffel 2 reifer, erwachsener – eine insgesamt würdigere Darstellung von Autismus im Alltag. Atypical Season 2 ist seit dem 7. September auf Netflix abrufbar.

Atypical handelt vom Autisten Sam Gardner und seinem Alltag mit Familie, High School, Arbeit und zwischenmenschlichen Beziehungen. In der zweiten Staffel ist es jedoch nicht mehr Sams Liebesleben, das im Mittelpunkt steht. Das zentrale Thema ist das Erlangen von Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, um die Menschen mit einer Behinderung im Vergleich mit anderen Menschen härter kämpfen müssen.
In der Tradition einer Coming of Age-Story gibt die Serie in der zweiten Staffel noch mehr Einblicke in das  schwierige, aber durchaus normale Familienleben der Gardners. Die Stärke der zweiten Staffel: Sams Kampf mit den Barrieren des Alltags verblasst beinahe neben den Alltagsproblemen der neurotypischen Bewohner seiner Welt und zeigt, dass Autisten keine Freaks sind. Oder anders ausgedrückt: Unterm Strich sind alle Menschen Freaks.

Inklusiver Cast

Einer der Hauptkritikpunkte der ersten Staffel betraf die Auswahl der Schauspieler*innen.
Der Schauspieler Keir Gilchrist, der den autistischen Sam Gardner verkörpert, ist ebensowenig wie alle anderen Schauspieler*innen am Set im Spektrum. 
Daran wurde nun gearbeitet.

In der Selbsthilfegruppe der Sozialpädagogin Ms. Whitaker, in der autistische Schüler*innen auf das College vorbereitet werden sollen, finden sich acht weitere Jugendliche aus dem Spektrum. Sie sind alle auf ihre eigene Art auffällig und kämpfen mit vergleichbaren Herausforderungen, beispielsweise mit Veränderungen. Leider bekommen diese Riege der Schauspieler*innen zu wenig Raum, um komplexere Persönlichkeiten zeigen zu können. Dass diese Rollen alle von Autist*innen gespielt werden, ist jedoch ein Fortschritt und lässt Gutes für die weitere Entwicklung der Serie hoffen.

 Für das Drehbuch wurde zudem der autistische Autor David Finch zur Mitarbeit engagiert.

 

 

Auch Sams schulische Laufbahn bekommt nun mehr Leinwandzeit. Er steht kurz vor dem Abschluss. Seine Eltern haben seine Zukunft eigentlich schon durchgeplant: Er bleibt zu Hause, besucht ein, zwei Computerkurse, und arbeitet weiter im Elektronik-Kaufhaus Techtropolis. Nichts, was ihn überfordern könnte – die typische Schonraumfalle für Menschen mit Behinderung.
Sam aber ist ein guter Schüler mit hervorragendem Zeichentalent. Warum sollte er kein College besuchen? Die Herausforderungen, die Menschen mit Autismus in Bezug auf das Erwerben einer höheren Bildung haben, vor allem im Entscheidungsprozess, werden in Staffel 2 hervorragend thematisiert, und die Serie bricht erfolgreich mit dem Klischee, dass Autist*innen nur etwas mit IT können.

Kein Inspiration Porn

„Autistisch sein ist keine Leistung, es ist Teil meines Seins“, sagt Sam, als ihn Ms. Whitaker darauf hinweist, seine Entwicklung sei durchaus als Erfolgsgeschichte zu sehen. Sie spricht damit für mich den Schlüsselsatz dieser Staffel aus.
Wie stolz kann man darauf sein, die Hürden genommen zu haben, die eine bequeme, auf nichtbehinderte Menschen ausgerichtete Gesellschaft baut? Wie gut fühlt es sich an, als „Inspiration“ betrachtet zu werden, weil man sich erfolgreich gegen Ausgrenzung wehrt? Wie befriedigend ist es, Ziele zu erreichen, die für Menschen mit ungleich mehr Chancen gesteckt wurden? Die Entwicklung autistischer Menschen folgt anderen Tempi, kann verzögert erfolgen, in anderen Bereichen erschreckend schnell vollzogen werden und passt doch in keinen neurotypischen Zeitplan. Sie ist weder plan- noch vorhersehbar, eine Tatsache, die Nichtautist*innen oft ratlos zurücklässt.

Eine ganz normale Familie

Ratlos sind auch Sams Eltern angesichts ihrer Beziehungsprobleme. Die Affäre mit einem Barkeeper führt zum tiefen Bruch zwischen den Ehepartnern und zeigt auf, dass Familien mit autistischen Personen ganz normale Probleme haben, die nichts mit dem Autismus zu tun haben. Der Perfektionismus und die überzeichnete Fröhlichkeit der überfürsorglichen Mutter Elsa, die alle Schwierigkeiten mit Leichtigkeit meistern will und dabei selbst mit ihren Bedürfnissen zurückbleibt berührt ebenso wie Vater Doug, der durch diese Überperformance bei allen Entscheidungen in Sams Entwicklung nur eine passive Nebenrolle einnehmen durfte. Die Serie erzählt, wie sich Freunde der Familie abwendeten, wofür man ja Verständnis haben müsste bei einem Kind wie Sam. Auch das Mobbing in der Schule erreicht neue, schmerzhafte Höhepunkte.
 Beides ist weder Autist*innen noch ihren Familien fremd.

Casey, Sams 15jährige Schwester, kämpft sich derweil durch Pubertät, Schulwechsel, erste Liebe und der Suche nach Identität, hadert oft damit, hinter dem Bruder zurückstecken zu müssen und ist für mich mit ihrer aufbrausenden Art stellenweise am schönsten erzählt. Allein für die Entwicklung ihrer Freundschaft mit Izzy freue ich mich auf eine dritte Staffel, die leider noch nicht bestätigt wurde.

Die Serie lässt Sam aber auch positive Erlebnisse mit Menschen machen, lässt ihn selbstverständlich Unterstützung erfahren, nicht nur durch seinen schrillen Freund Zahid oder seine On/Off-Freundin Paige. Insgesamt zeigt sich Atypical Staffel 2 runder, komplexer und gereifter als die erste Staffel, und bleibt dennoch unterhaltsam. Eine einfache Möglichkeit, einen halbwegs authentischen Einblick in das Leben autistischer Menschen zu erhalten.

 

2 Gedanken zu „Atypical Staffel 2

  1. Ich habe mir die Serie noch nicht angesehen, da ich dachte das sie Autismus nicht gut abbildet. Nach der Rezension werde ich sie vielleicht doch einmal anfangen.

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