An das sich im Bus über meinen Einzelsitz gebeugt küssende Pärchen:

Liebes, sich im übervollen Bus über meinen Einzelsitz gebeugt küssende Pärchen, ich glaube, mich traf gerade etwas Speichel und ich muss sagen, ich bin in einem Maß angewidert, das selbst mich überrascht.
Bitte tut mir den Gefallen und geht einfach sterben. Gerne Hand in Hand.
Nicht nur, dass mich eure aggressiv zur Schau gestellte Harmonie und Zuneigung abstößt, nein. Es ist diese übereifrige Inszenierung der Zweisamkeit, die Darstellung der perfekten Beziehung, die ihr habt, nur ihr und sonst niemand, mit der ihr euch zu besseren Menschen erheben möchtet, zu denen, die diese komplizierte Beziehungssache so mühelos und leicht hinbekommen und die ihr mir gerade so rücksichtslos aufdrängt. Falls es dafür Preise gibt, man sollte euch unbedingt nominieren. Ach, ich mache das am besten gleich selbst!
Ich würde ja gern wegsehen, all das einfach ausblenden, aber das laute Schmatzen eurer Münder macht es mir unmöglich, dieses Schauspiel vollständig zu ignorieren und ich fürchte, meine Mundhöhle füllt sich auch gerade.
Zwar nicht mit Zunge, dafür aber mit Erbrochenem.
Ist wohl besser als nichts.

Liebes, sich im übervollen Bus über meinen Einzelsitz gebeugt küssende Pärchen, ich hasse euch. Ich hasse euch wirklich sehr und ich wünsche euch schlimme Geschlechtskrankheiten, die man bisher noch gar nicht kennt und nach euch benennen wird.
Es mag ja furchtbar nett und vorausschauend gemeint sein, dass ihr für Platz in diesem öffentlichen Verkehrsmittel sorgen wollt, zu dessen Benutzung wir offensichtlich alle gezwungen sind, indem ihr euch möglichst eng aneinander drückt und euch dabei vorsorglich an euren ausgeprägten sekundären Geschlechtsmerkmalen festkrallt, während ihr euch in die Ohren flüstert, wie süß ihr einander findet. Aber wenn ich Menschen beim Anbahnen und Ausüben ihrer sexuellen Bedürfnisse beobachten will, gehe ich ins Internet, wie normale Menschen das eben so machen, aber ich fahre nicht Bus!
Ich habe ehrlich gesagt langsam Schwierigkeiten, meine Beherrschung aufrecht zu erhalten. Nicht nur die Enge im Bus verursacht, dass mein Menschenhass gerade auf das Level „Hitler“ steigt, auch die ständig an mein Knie schlagende Tasche mit der Shoppingausbeute des „Lieblingsmädchens“ lässt mich zugegeben etwas gereizt reagieren.
 Ihr schafft es, dass ein doofer Tag noch ein bisschen mieser wird.
Ich würde vorschlagen, liebes, sich im übervollen Bus über meinen Einzelsitz gebeugt küssende Pärchen, wir lösen die Situation jetzt zum Wohlgefallen aller. Am besten steigen wir gemeinsam aus und dann schubse ich euch einfach vor den Bus.

12 Gedanken zu „An das sich im Bus über meinen Einzelsitz gebeugt küssende Pärchen:

    1. Vielleicht ist ‚frustriert‘ an der Stelle das falsche Adjektiv. Ich bin mir sehr sicher, dass man sich auch als in einer Partnerschaft befindlicher Mensch von solcher Wichtigtuerei und/oder Rücksichtslosigkeit angewidert fühlen kann und darf.
      Da das aber nicht der eigentliche Punkt war: Guter Text!

  1. Als ein Bekannter von seinen Hofnachbarn berichtete, dass die sich gelegentlich lautstark bei geöffnetem Fenster paarten, meinte er zu meiner Angewidertheit nur: „Ach was, Leidenschaft muss sein!“

    Mehr-Gelassenheit-zu-diesem-Thema wünschend
    Okeo

  2. Das Verhalten dieser Pärchen erscheint Dir heute noch furchtbar & unangemessen. In einigen Jahren lernst Du dann Leute kennen, die mit ihrem Fortpflanzungserfolg angeben und umso öfter ihre Blagen erwähnen je mehr Desinteresse Du zeigst.

    Öhm, sorry – das heitert einen nicht auf was?

  3. Da musst du für Gesprächsstoff sorgen zur Eigenabhilfe.
    Einfach so spontan eine ganz banale Frage in den Raum stellen. Und wenn du es dir nicht traust sie auszusprechen, dann hast du geistigen Überlebensstoff für eine Busfahrt gefunden, um dich von den äußeren Unanschaulichkeiten innerlich abzuwenden.

  4. „[…] ich wünsche euch schlimme Geschlechtskrankheiten, die man bisher noch gar nicht kennt und nach euch benennen wird.“

    Ich schmeiss mich weg – you made my day :o)

  5. Wie richtig. Und wie grässlich.
    (0) Timing ist wichtig: Bushaltestelle in Sichtweite?
    (A) Tief Luft holen.
    (B) Stimmlage (zwischen Darth Vader und Eichhorn auf Helium) vorstellen.
    (C) Genau in dieser Stimmlage so laut wie nur irgendwie möglich:
    „Nimm die Zunge aus der Frau!“
    (D) Und raus.

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