Alles Böse ist Autist.

Behinderte auf Basis fehlender oder nur unzureichend vorhandener Fähigkeiten abzuwerten wird als Ableismus bezeichnet. Im Journalismus ist es inzwischen zum üblen Stilmittel geworden, den Begriff des Autismus für alles zu verwenden, das irgendwie negativ belegt werden soll – auf Kosten der Autisten.

 

Die deutsche Sprache verfügt, so schätzen Wissenschaftler, über rund 5,3 Millionen Wörter – Tendenz steigend. Etwa 200.000 der regelmäßig genutzten Wörter sind im „Großen Wörterbuch der deutschen Sprache“ erfasst. Die meisten professionellen Schreiber besitzen dieses Buch, eventuell auch ein Konkurrenzprodukt. Und doch fällt es gerade Menschen, deren Beruf der Umgang mit unserer Sprache ist schwer, sich in eben dieser souverän, elegant und treffend auszudrücken.
Viele sprachliche Fehltritte, die vor Jahren noch gängig waren, verschwinden nach und nach aus unserem Sprachgebrauch. So ist die sexuelle Orientierung eines Menschen nicht mehr als gängiges Schimpfwort akzeptiert.

„Negerküsse“ verwandelten sich in Schoko- oder Schaumküsse, man beschimpft niemanden mehr als „Spasti“ oder „Krüppel“ und auch sonst wurde unsere Sprache in den letzten Jahren immer weniger diskriminierend – eine begrüßenswerte Entwicklung.
Wäre da nicht diese kleine Gruppe Menschen, quasi die Gallier unter den linguistischen Römern, die von dieser Positiventwicklung vollständig ausgenommen sind: die Autisten.
Ihre Neurodiversität, ihre angeborene Entwicklungsstörung wird zunehmend zu einem schicken Modewort für alles Negative, das irgendwie intellektuell klingen soll.

Was Autismus ist

Autismus ist eine seelische, eine „unsichtbare“ Behinderung, deren Symptome erstmals 1938 vom österreichischen Kinderarzt Hans Asperger beschrieben wurden und die bis heute noch wenig bekannt sind. Der Autismus wird inzwischen als großes Spektrum gesehen, das von leichten Auffälligkeiten bis hin zur schweren geistigen Behinderung reichen kann. Eine quasi kaum überschaubare Vielfalt an Ausprägungen und Persönlichkeiten also, von denen keine einer anderen gleicht; ein Punkt, der es so schwer macht, Autismus abseits der reinen Diagnosekriterien zu verstehen.
Gerade die Autisten, die man vor der Einführung des Autismusspektrums als Asperger-Autisten kategorisierte, leben oft eher unbemerkt, wenn sie sich nicht selbst outen. Sie werden meist als sehr verschlossen, einzelgängerisch, analytisch denkend und eher humorlos wahrgenommen. Eine einseitige Außensicht, die nicht widerspiegeln kann, was Autismus ist, wer Autisten sind. An sie und ihre scheinbare, vorgetäuschte Normalität wird oft ein deutlich höherer Anspruch gestellt, als sie aufgrund ihrer Einschränkungen zu erbringen fähig sind, was auf längere Sicht Frustration, Depressionsneigung, erhöhte Arbeitslosigkeit und soziale Isolation verursacht.

Nun vergeht mittlerweile kaum eine Woche, in der sich nicht in einem Artikel, im Feuilleton, in einer Fernsehserie oder einer Berichterstattung das Schlagwort „autistisch“ einschleicht. Es klingt intelligent und fesselt die Aufmerksamkeit, wenn der Autor oder Vortragende ein eher unbekanntes Fremdwort benutzt. Doch was wollen sie uns eigentlich damit mitteilen? Betrachten wir das doch einmal an konkreten Beispielen:

Autismus ist: Onanierende Vorschulkinder

Ende März durfte die mit Plagiatsvorwürfen ins Gerede gekommene Jungautorin Helene Hegemann einen Artikel für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schreiben. In diesem ließ sie sich darüber aus, wie schlecht die sozialen Medien mitunter Menschen behandeln. Darüber weiß sie ja Bescheid, wurde sie ja selbst bereits Opfer dieses digitalen Prangers. Sie forderte daher einen neuen, „autistischen“ Persönlichkeitstypus, einen selbstlos handelnden Übermenschen, der die Gesellschaft und jeden von uns vor sich selbst rettet.
Nun gut, Frau Hegemann, wir Autisten sind hier. Aber warum sollen wir eine Gesellschaft retten, die uns als Synonym benutzt, wenn es um Ichbezogenheit, Isolation, Egozentrik, Rücksichtslosigkeit und ähnlich unangenehme Dinge geht?
Doch damit war es nicht getan. Gerade in Fahrt gekommen, griff sie wiederholt und genussvoll in die Ableismus-Schublade, schrieb “Nur ein neuer Autismus kann uns retten” und gipfelte schließlich in der Aussage

“Bei dieser neuen, glorifizierten Form von Autismus handelt es sich nicht um unberechenbare Asperger-Kids, die schon im Vorschulalter masturbierend am Kronleuchter hängen.”


Sieht man davon ab, dass dieses von ihr gezeichnete Bild äußerst verstörend ist und niemand gerne an die Sexualität von Vorschulkindern denken möchte, bleiben nur noch eine Handvoll Worte. Diese ergeben zwar keinen Sinn, werfen aber ein äußerst merkwürdiges Licht auf Autisten. Eigentlich will Frau Hegemann in ihrem Feuilleton- Beitrag nur ein bisschen jammern, weil man vermeintlich so schlecht mit ihr umging. Doch das direkt zu tun, gehört sich ja nicht, nicht wahr, Frau Hegemann? Aber Ableismus, nun, das kann man mal machen. Dagegen wehrt sich ja schließlich niemand.

Autismus ist: Wenn Baby die Wäsche macht

Im Februar schrieb die Geschlechtsverkehrs-Spezialistin Paula Lambert eine ihrer zahlreichen Sex- und Beziehungskolumnen, die in dem Testosteronblättchen „GQ“ zu finden sind. Sie ließ sich darüber aus, dass ihr Protagonist Claus nun in einer festen Beziehung ist, was sie nicht sonderlich zu freuen schien. Um dies zu verdeutlichen, formulierte sie:



„Claus hat eine intensive Phase des sozialen Autismus durchlebt, wie so viele Männer, die plötzliche eine Frau kennenlernen, die ihnen die Wäsche macht.“

Man stutzt kurz, fragt sich, wie so ein sozialer Autismus denn aussieht oder ob es Autismus auslösen kann, jemandem die Wäsche zu machen. Dann merkt man, dass Frau Lambert lediglich sagen wollte, dass ihr Claus sich in seiner Beziehung doch recht wohl fühlt, sich darauf konzentriert und die Fürsorge seiner Partnerin genießt. Das will die Autorin nicht gutheißen, also muss sie es abwerten. Warum jedoch Autisten den Kopf für etwas hinhalten müssen, was Frau Lambert doof findet und für das es bereits einige andere Worte gibt, das verschweigt sie in ihrem Beitrag leider.

Autismus ist: Ein Depp ohne Sexualität

Ganz besonders geschmacklos zeigte sich der Kabarettist Max Uthoff nur kurz davor bei einer Rede gegen Mügida (der Münchner Ableger der Pegida-Bewegung), in der er verlauten ließ:

„Was ist ein patriotischer Europäer? Ein Autist im Swingerclub.“



Er selbst fand diesen Spruch wohl derart lustig, dass er ihn kurz darauf in einer der publikumsstärkeren Sendungen des ZDF wiederholte. Autisten konnten darüber aber weniger lachen. Ihre Sexualität, etwas derart intimes, ist von jeher Ziel von Rätselraten und wilden Mutmaßungen. Dass Uthoff aber, um eines erbärmlichen Witzleins wegen, Autisten ihre Sexualität per se aberkennt, sie damit vor einem Millionenpublikum demütigt, ist ihm gleichgültig. Er erntet damit die billigen Lacher, von denen er sich ernährt. Und schlägt einer Gruppe von behinderten Menschen lächelnd ins Gesicht.

Die Fehlbenutzung und negative Konnotation des Autismus-Begriffs schadet in direkter Linie den Autisten, die nun nicht mehr wagen, über ihren Autismus zu sprechen. Doch genau das ist notwendig, um die Hilfe zu erhalten, die der jeweilige autistische Mensch benötigt.
Autismus ist keine Erkrankung, kein Impfschaden, kein von mangelnder Liebe oder falscher Ernährung verursachter Zustand. Und Autismus ist ganz sicher kein schlechter Witz, den drittklassige Schreiberlinge immer dann aus dem Hut zaubern können, wenn das eigene fachliche Unvermögen nichts Intelligentes mehr hergibt. Denn das ist – um im Stil der oben genannten Personen zu bleiben – fast schon ein bisschen autistisch.

 

Dieser Text entstand für Progress – das Magazin der östereichischen HochschülerInnenschaft und erschien in der im Mai veröffentlichten Printausgabe sowie auf der Onlinepräsenz des Magazins. Für diese Möglichkeit bedanke ich mich!

Ich möchte meine Leser jedoch bitten, zu dieser Veröffentlichung meine Stellungnahme zu beachten:
http://www.robotinabox.de/richtigstellung_progress

Aus Gründen der Barrierefreiheit ist der Text auf diesem Blog nicht gendersensibel formuliert. Ich spreche aber natürlich Personen jeglichen Geschlechts gleichermaßen an.

Ein Gedanke zu „
Alles Böse ist Autist.

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