Ach Wien,

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was soll ich sagen? Die Sache mit uns läuft nun schon fünf Wochen, fünf Wochen du und ich, fünf Wochen Bim fahren, Bezirke und Blunzengröstl. Okay, das mit dem Blunzengröstl war ein Witz, so weit geht meine Zuneigung dann doch nicht, aber Käsekrainer, meine Güte, wie konntest du mir die nur so lange vorenthalten? Käsekrainer schmecken nämlich ein bisschen so, als machten Engel aus Käse heiße, fleischige Liebe auf deiner Zunge. Nur besser. Viel, viel besser.

Ab und zu unterlaufen mir noch Fehler und ich mache Dinge, die nur Touristen tun, ja, das ist peinlich, aber das musst du mir bitte noch nachsehen. So war ich zum Beispiel an einem Samstagnachmittag im ersten Bezirk, um bei Morawa neue Bücher zu kaufen. Na ja. Und um zu schauen, ob meines dort steht. Spoiler: Es steht dort. (Ich glaube übrigens, alle Autor*innen schauen nach, ob ihre Bücher auch in den tollen Buchhandlungen stehen und keiner will es wirklich zugeben.) Doch Wiener*innen, die noch halbwegs bei Verstand sind, gehen an einem Samstagnachmittag niemals freiwillig in den ersten Bezirk, auch nicht unter Androhung von Gewalt. Station Stephansplatz? Wir können da nicht aussteigen, das ist Touristenland.

Apropos Bezirke – aus meinem komme ich sonst nur selten raus. Er ist nämlich wie eine eigene kleine Stadt, ein Wien in Wien, ein immer noch spannendes Konglomerat aus Schick, Schmutz und Spaß. Immer öfter laufe ich deswegen nach der Arbeit nach Hause und mache jedes Mal einen kleinen Umweg, um noch ein wenig mehr von dir zu sehen.

Manchmal aber stehe ich in der Küche, bin gerade fertig mit dem Kochen und schon dabei, alles aufzuräumen und werde traurig. Traurig und ein bisschen frustriert. Weißt du, Wien, uns Deutschen ist die Mülltrennung heilig. Der Müllraum ist unser Andachtsort und der blaue Engel unsere Religion. Wir Deutschen trennen alles: Die Spreu vom Weizen, die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen, Ehegatten beim Finanzamt und einmal sogar das eigene Land. So versessen sind wir aufs Trennen!

Die Anreize für diese Trennungsleidenschaft werden bei uns schon früh gesetzt. Bereits im Kindergarten haben wir Wettbewerbe durchgeführt, bei denen es darum ging, möglichst viel Altpapier zu sammeln. Das wurde dann gewogen und zum Wertstoffhof gebracht. Dann haben sich alle gefreut. Ein Mal habe ich dabei sogar gewonnen und zog stolz meinen Bollerwagen voller ausgelesener Bummi- und Mosaik-Ausgaben hinter mir her. Wir wussten schon, wie wir Spaß haben konnten, damals in der DDR.  Und hier stehe ich da, sehe zu, wie alles in eine Tonne kommt – Biomüll, Plastik, Restmüll – und fühle mich innerlich tot. Ja klar, Brennwert erhöhen und uns richtig einheizen wollen, dies, das. Aber wo bleibt denn da die Pedanterie? Du machst es mir nicht einfach, Wien.

Und deine Bundespräsidentenwahl, Wien, die wirkt wie eine amateurhaft inszenierte Soap Opera und ich warte nur darauf, dass Hofer bei einem Haartest herausfindet, dass er das lange vermisste, uneheliche Kind vom Lugner, dem alternden König der Einkaufszentren, ist. Dann fallen sich alle weinend in die Arme und Van der Bellen eröffnet einen veganen Würstelstand.

Doch auch, wenn der Kleber zwischen Deutschland und Österreich manchmal Qualitätsmängel aufweist, so glaube ich schon, dass das mit uns hält. Denn wenn ich ehrlich bin: Auf meiner Wahlkarte stehst nur du.

Bussi,

deine Marlies

6 Gedanken zu „Ach Wien,

  1. Sehr geehrte Frau Hübner, mir gefällt Ihr Schreibstil schon seit Längerem, aber jetzt kriegt er auch noch richtig Schmäh.
    Und wenn ich schon einmal die Tastatur in der Hand habe, kann ich mich auch gleich für Ihr wunderbares Buch bedanken.
    Ich habe gelacht auf Seite 153 und auf Seite 177 geweint. Und keine der anderen Seiten ist ohne Berührung oder Erkenntnis gewesen.
    Herzliche Grüße aus der Ferne
    L. Maus

  2. Ja, alle Autoren tun das. Bin hier in eine Buchhandlung spaziert und fand es nicht. Fragte danach. Verkäufer deutete auf ein Display über eine ganze Regalbreite. Ich hatte das voll übersehen, weil ich nach einem Buch suchte, das zwischen andere gequetscht steht. Das war schon hach.

  3. Mir (gebürtig aus Sachsen) ging’s mit der Mülltrennung anfangs ähnlich. Gut, bis auf’s Papier – da haben wir Glück, dass das im Haus separat gesammelt wird. Jedenfalls habe ich dann irgendwann mitbekommen, dass das hier in Wien mit dem Müllsammeln auch geht, irgendwie. Nur halt etwas umständlicher. Für Plaste(flaschen) gibt es extra Mülltonnen an bestimmten Plätzen, ähnlich Glasflaschen (aber das kennt mensch ja auch aus DE). Metall-Verpackung (Dosen) ebenso, aber da scheint es nicht so viele Mülltonnen zu geben. Was einem dann beim Müll-Sortieren nur noch im Wege steht, das ist der knurrende Schweinehund in einem selbst… 😉

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