10 Dinge, die Dich wie ein ignorantes Arschloch wirken lassen – Die Autismus-Edition.

Wenn mir eines besonders häufig passiert, dann die Konfrontation mit Annahmen und Aussagen, die sich irgendwo zwischen unpassend und ignorant bewegen. Ignorant, da man mir damit die Selbstbestimmung und Selbstvertretung abspricht, etwas, das Menschen mit jedweden Behinderungen Tag für Tag geschieht.
Der Text 10 Dinge, die man nicht zu Autisten sagen sollte klärte bereits einige Fragen. Nun nutze ich die Gelegenheit, noch ein wenig tiefer in die Problematik der allgemeinen Autismus-Mythen einzutauchen.

1. „Du bist ja nur leicht betroffen.“

Die Begriffe „leichter“ und „schwerer“ Autismus sind vor allem eins: Diskriminierend. Benutze sie bitte nicht. Diese Einteilung geschieht rein nach der Außensicht der NichtautistInnen und bewertet, wie groß die Belastung für das Umfeld ist, die von dem autistischen Menschen ausgeht. Sie berücksichtigt nicht, wie schwer es der jeweilige Mensch tatsächlich hat, wie vielen Schwierigkeiten und Einschränkungen er täglich gegenübersteht. Möchtest Du nach Deiner Belastung für andere eingeordnet werden? Nein? Dann mache es auch nicht mit uns.

2. „Wie soll man euch sonst einteilen?“

Wir sind keine Champignons, die man in Qualitätsklassen unterteilen muss. Wie wäre es, wenn wir einfach für uns selbst sprechen? Revolutionär, oder? Die einzige Unterteilung, die für Außenstehende verständlich ist, ist die in Auffälligkeiten. Manche AutistInnen sind weniger, andere stärker auffällig.

3. „Eigentlich bist Du bloß ein bisschen anders. Warum machst Du da gleich Autismus draus?“

Dieses „ein bisschen anders“, das Du wahrnimmst, ist eine Mischung aus Anpassung, Kompensation und sehr viel Willenskraft. Du gewinnst den Eindruck, weil Du mich nur oberflächlich kennst und nicht weißt, wie mein Leben aussieht, wenn ich nicht mehr so tun muss, als wäre ich wie Du. Außerdem ist es doch ein reichlich merkwürdiger Gesprächseinstieg, wenn ich Dir zu allererst all meine Schwierigkeiten erläutere. Das würdest Du doch auch nicht tun, oder?

4. „Hast Du nicht dieses Asperger-Syndrom?“

Sehr viele AutistInnen lehnen die derzeit in der ICD noch stattfindende, im DSM aber schon aufgehobene Unterteilung der Autismusformen ab. Wir sprechen stattdessen vom Autismusspektrum. Man kann AutistInnen nicht in starre Kategorien aufteilen. Auch ich liege irgendwo zwischen zwei der veralteten Kategorien. Bei jedem Menschen mit Autismus ist die Symptomverteilung individuell, eine lineare Einteilung des Spektrums ist faktisch unmöglich.

5. 

„Die meisten AutistInnen sprechen aufgrund ihrer schweren geistigen Behinderung doch gar nicht.“

Schade, dass sich das so hartnäckig hält, dass zwingend eine Verbindung zwischen Nonverbalität und Intelligenzminderung existieren würde. Dem ist gerade bei Autismus oft nicht so. Das lässt sich übrigens mit den passenden Intelligenztests nachweisen. So wurde festgestellt, dass AutistInnen, nonverbale wie verbale, in den Ravens Progressive Matrizen oft deutlich besser abschneiden als im Hamburg-Wechsler-Intelligenztest, während NichtautistInnen in beiden IQ-Tests etwa identische Ergebnisse erzielen. (Danke, fotobus.)

6. „Eigentlich gibt es doch Autismusvereine, die euch vertreten.“

Wir haben das Recht darauf, uns selbst zu vertreten und für uns selbst zu sprechen. Größere Autismusvereine sind in der Regel Elternverbände, bei denen AutistInnen selbst kaum zu Wort kommen.

7. „Und Du sprichst jetzt also für alle AutistInnen?”

Nein, das kann und will ich nicht. Es gibt AutistInnen, die sich von mir vertreten fühlen, ebenso wie es jene gibt, die das nicht wünschen. Ich kann ja auch nicht für alle Frauen sprechen oder für alle, die die Bananen niemals am Haltestiel öffnen. Das ist nämlich falsch, den Haltestiel gibt es nämlich, damit man die Banane daran festhält. Aber das ist eine andere Geschichte.

8. „Wo kommt ihr überhaupt alle her? Das Internet ist plötzlich voll von Autisten.“

Das Zauberwort lautet „Barrierefreiheit“, was mehr bedeutet als eine Rollstuhlrampe an jedem dritten öffentlichen Gebäude. Es gab uns natürlich schon vor den Zeiten des Internets, doch nun haben wir eine Möglichkeit, barrierefrei zu kommunizieren, uns auszudrücken und auch gehört zu werden.

9. „Bekommt jetzt jeder so eine Diagnose, der ein bisschen schüchtern ist?“

Der Vorgang der Autismusdiagnostik erfolgt sehr gründlich und genau. Es kann immer zu Fehldiagnosen kommen, die Psychologie ist nun einmal kein Bauklötzchenspiel. Es ist jedoch davon auszugehen, dass eine positive Autismusdiagnose in den allermeisten Fällen seine Richtigkeit hat.

10. „Was willst Du eigentlich? Es geht Dir doch gut?“

Damit sind wir bei einem meiner Lieblingspunkte. Ja, es geht mir gut. Ist das nicht schön? Das, was Dir gerade passiert, ist das Verwechseln von Autismussymptomen mit Komorbiditäten. Viele AutistInnen entwickeln in Folge ihres Autismus Depressionen, Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörungen, Essstörungen und andere Komorbiditäten. Die Symptome dieser sind aber keine Autismussymptome. AutistInnen darf und soll es natürlich gut gehen. Ihnen deswegen den Autismus in Frage zu stellen, ist ignoranter Ableismus.

3 Gedanken zu „10 Dinge, die Dich wie ein ignorantes Arschloch wirken lassen – Die Autismus-Edition.

  1. Ich weiß, der Beitrag ist schon eine Weile her … bei mir soll „die Intelligenz getestet“ werden.

    Jetzt lese ich – vielen Dank – hier: „So wurde festgestellt, dass AutistInnen, nonverbale wie verbale, in den Ravens Progressive Matrizen oft deutlich besser abschneiden als im Hamburg-Wechsler-Intelligenztest, während NichtautistInnen in beiden IQ-Tests etwa identische Ergebnisse erzielen.“

    Soll ich eine Testung mit dem Hamburg-Wechsler-Test trotzdem mitmachen, oder auf den anderen Test hinweisen, weil er, ich sag’s mal so, für Menschen aus dem AS besser geeignent ist? Ich bin eh schon verwirrt genug, was gerade auf mich zurollt (berufl. Reha, weitere Testungen, Umzug). Ich dneke gerade so: Wenn’s etwas bringt, muss ich da durch, dann lieber von Anfang an eine sinnvolle oder passende Testung.

    1. Ich würde definitiv dazu raten, das Problem mit den Tests – und auch die möglicherweise durch den Autismus zu erwartenden verfälschten Ergebnisse im Hamburg-Wechsler-Test – anzusprechen.

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